Einspitzige Aufmerksamkeit

July 23, 2007

In der Unterhaltung mit einem Freund wurde mir gestern (wieder einmal) klar, dass Coaching auch eine Art von “schamanischer” Tätigkeit ist. Um den Patienten zu heilen, begibt der Schamane sich in eine Trance (die er auch beim Patienten induziert). Eine Interpretation dieser Trance ist ein Brückenschlag zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Geister – der Schamane bewegt sich also zwischen zwei Seinszuständen hin und her.

Etwas Ähnliches beobachtet man auch bei Systemaufstellungen, wenn Teilnehmer für Personen stehen, die sie zutreffend darstellen ohne sie überhaupt zu kennen – man spricht von “teilhabendem Wissen”. Der Systemaufsteller Albrecht Mahr aus Würzburg sagt z.B. über das, was dort passiert:

“Also die Wahrnehmungsform, die man beobachtet, wenn man mit diesem Phänomen wie teilhabendes Wissen, wissender Körper oder so arbeitet, ist ein Oszillieren zwischen zwei Seinszuständen (…) Der eine ist Identität oder Einssein mit, und das andere ist eine Trennung in Subjekt und Objekt, und das Objekt beobachtet. Also ich bin identifiziert mit einem, irgendeiner Person, also keine Unterscheidung zwischen dir und mir, und wenn ich das aber bin, kann ich darüber keine Aussagen machen. Die Aussage, wenn ich gefragt werde, wie geht es dir, macht sofort eine kleine Trennung in diese Wahrnehmung und einen Zeugen, der das wahrnimmt.

Und das ist ein Vorgang, was die Mystiker einspitzige Aufmerksamkeit nennen, die kann man wahrnehmen. Es wird, wenn man das erlebt, wie eins erlebt, aber es ist in Wirklichkeit ein ganz feines Oszillieren zweier Seinszustände.”

 (2004)

Etwas Ähnliches kenne ich auch vom Coaching: das gleichzeitige Sein in zwei “Welten” – ich bin zugleich beim Klienten und bei mir. Das erklärt auch, warum das Coaching, wenn es effektiv ist, so erschöpft – über die nötige durchgängige Aufmerksamkeit und Konzentration hinaus.

Ein wichtiger Unterschied: die Kunst des Schamanen lernt dieser von einem anderen Schamanen, den er begleitet – wie der Heidelberger Psychiater und Ethnologe Gerhard Heller mir einmal erklärte, tut er das zum Beispiel, indem er dem alten Schamanen auf dem Rücken sitzt – d.h. er guckt nicht nur zu, sondern er versucht, in dessen Arbeit einzutauchen.

Wichtig scheint mir auch: der Schamane kann sich in der Geisterwelt der bösen Geister entledigen und sich dort mit guten Geistern “aufladen”, was ihm hilft (oder vielleicht sogar erst befähigt), im Diesseits seine Arbeit zu tun. Was aber wäre das Äquivalent dieser Reise für den Coach?

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